Kaum ein Thema im Frauensport wird so aufgeregt diskutiert wie das Training im Menstruationszyklus. In den sozialen Medien wimmelt es von bunten Zyklus-Kalendern, die genau vorschreiben, wann du Intervalle knallen und wann du nur spazieren sollst. Das klingt wissenschaftlich — ist es aber nur zum Teil. Dieser Beitrag ordnet ein, was gut belegt ist, was nicht, und wie du daraus einen Trainingsalltag machst, der zu dir passt.
Der Zyklus-Hype und die dünne Studienlage
Fangen wir mit dem an, was die meisten Ratgeber unterschlagen: Die Idee, das ganze Training starr nach Zyklusphasen zu takten, steht auf deutlich dünnerem Boden, als der Hype vermuten lässt. Die bislang umfassendste Übersichtsarbeit dazu wertete 78 Studien aus und fand über den Zyklus hinweg nur unbedeutend kleine Unterschiede in der Leistung. Die Autorinnen und Autoren stufen die Qualität der vorhandenen Studien selbst als niedrig ein und raten ausdrücklich von pauschalen Regeln ab — empfohlen wird stattdessen ein persönlicher Ansatz, der sich an der individuellen Reaktion jeder Läuferin orientiert.
Das ist keine Absage an das Körperbewusstsein, im Gegenteil. Es ist eine Absage an die Schablone. Wo die eine Läuferin am ersten Tag der Blutung im Bett bleiben möchte, dreht die andere ihre schnellste Runde des Monats. Beide Erfahrungen sind echt — und genau deshalb funktioniert kein Kalender, der für alle dasselbe vorschreibt. Die verlässlichste Datenquelle bist du selbst.
Notiere über zwei bis drei Zyklen kurz, wie sich jedes Training angefühlt hat, und dazu Schlaf, Schmerzen und Stimmung. Nach wenigen Wochen erkennst du dein persönliches Muster viel zuverlässiger als jeder allgemeine Phasen-Plan. Diese individuelle Beobachtung schlägt die Schablone.
Ist Laufen während der Periode gut?
Für gesunde Läuferinnen lautet die klare Antwort: Ja, Laufen während der Periode ist grundsätzlich unbedenklich und für viele sogar hilfreich. Die Blutung selbst ist kein Grund, das Training auszusetzen. Wie viel und wie intensiv du läufst, entscheidet dein Befinden — nicht der Kalender. An Tagen mit starken Krämpfen oder Erschöpfung ist eine lockere Runde oder eine bewusste Pause genauso legitim wie ein hartes Training an einem guten Tag.
Ein starkes Vorbild dafür, dass die Periode kein Leistungsverbot ist, lieferte die britische Marathonläuferin Paula Radcliffe. Nach eigener Schilderung hatte sie ausgerechnet an dem Tag ihre Menstruation und litt in der zweiten Hälfte unter Krämpfen, an dem sie 2002 in Chicago den Marathon-Weltrekord lief. Ihre Botschaft ist keine Aufforderung, sich durch Schmerzen zu quälen — sondern die beruhigende Erkenntnis, dass Höchstleistung und Periode sich nicht ausschliessen.
Laufen gegen Regelschmerzen: das belegte Mittel
Der vielleicht wichtigste Punkt für alle mit schmerzhaften Tagen: Regelmässige Bewegung kann Regelschmerzen mildern. Eine Cochrane-Übersicht — der methodische Goldstandard — fasst mehrere Studien zusammen und kommt zum Schluss, dass regelmässiges Training die Stärke der Schmerzen spürbar senken kann. Im Schnitt entsprach die Linderung rund einem Viertel einer gängigen Schmerzskala, was im Alltag deutlich spürbar ist. Auch eine Übersicht zu physiotherapeutischen Massnahmen wie Ausdauer- und Kräftigungsübungen berichtet über einen klinisch bedeutsamen Rückgang der Schmerzintensität.
Wichtig ist dabei ein oft übersehenes Detail: In den Studien wurde meist über den ganzen Monat hinweg regelmässig trainiert, häufig 45 bis 60 Minuten und drei- oder mehrmals pro Woche — nicht erst dann, wenn die Krämpfe schon da sind. Bewegung wirkt hier eher wie eine Grundpflege als wie eine Notfalltablette. Die Studienqualität ist zwar begrenzt, deshalb formulieren wir bewusst vorsichtig: Training kann helfen, ist aber keine Garantie und ersetzt bei starken Beschwerden keine ärztliche Abklärung.
Wenn dich beim Laufen ohnehin gern andere Wehwehchen plagen — etwa Seitenstechen beim Laufen —, lohnt es sich, solche Beschwerden getrennt anzugehen, statt sie alle der Periode zuzuschreiben.
Wann bist du am leistungsfähigsten?
Die Frage nach der besten Zyklusphase ist verständlich — und die ehrliche Antwort etwas ernüchternd. Eine feste Hochleistungsphase, die für alle gilt, lässt sich aus den Daten nicht ableiten. In der grossen Übersichtsarbeit war die Leistung am ehesten in den ersten Tagen der Blutung leicht herabgesetzt, während sich alle übrigen Phasen kaum voneinander unterschieden. Doch selbst dieser Unterschied war winzig und von einer grossen Streuung zwischen den Frauen begleitet.
Praktisch heisst das: Wer sich am ersten oder zweiten Blutungstag schwerer fühlt, liegt mit diesem Gefühl oft richtig — verpasst aber nichts, wenn ein wichtiger Wettkampf trotzdem in diese Zeit fällt. Statt auf ein vermeintliches Leistungsfenster zu warten, planst du dein Training besser um dein reales Befinden herum. Genau diese Anpassung an den eigenen Körper ist übrigens dieselbe Logik, die auch bei anderen Bausteinen der Vorbereitung greift: So wie sich der Verdauungstrakt schrittweise an grössere Kohlenhydratmengen gewöhnen lässt — wie man den Darm trainiert —, lohnt es sich, die eigene Reaktion geduldig zu beobachten, statt einer Schablone zu folgen.
| Phase (grob) | Was oft berichtet wird | Was gut belegt ist |
|---|---|---|
| Blutung (erste Tage) | schwerere Beine, Krämpfe | Leistung evtl. minimal tiefer; Laufen dennoch möglich und schmerzlindernd |
| Nach der Blutung | „Power-Phase“ | kein verlässlicher Leistungsvorteil nachgewiesen |
| Zyklusmitte | Höchstform | Unterschiede zu anderen Phasen nur trivial |
| Vor der Blutung | Müdigkeit, PMS | subjektive Beschwerden häufig; sehr individuell |
Warum bin ich vor der Periode beim Laufen so müde?
Viele Läuferinnen kennen das Gefühl, in den Tagen vor der Blutung schwerer und müder zu laufen. Dafür gibt es mehrere plausible Erklärungen, die zusammenwirken. In der zweiten Zyklushälfte ist der Spiegel des Hormons Progesteron erhöht, was die Körperkerntemperatur leicht anhebt. Bei warmem Wetter kann sich das Laufen dadurch anstrengender anfühlen, weil der Körper mehr Aufwand für die Wärmeregulierung betreibt. Dazu kommen häufig ein unruhigerer Schlaf, Wassereinlagerungen und prämenstruelle Beschwerden, die auf Stimmung und Energie drücken.
Weil hier vieles zusammenspielt und die individuelle Schwankung gross ist, formulieren wir bewusst offen: Diese Müdigkeit könnte hormonell mitbedingt sein, ist aber selten auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Sinnvoll ist es, an solchen Tagen das Tempo herauszunehmen, statt sich zu einer harten Einheit zu zwingen. Hält eine ausgeprägte Erschöpfung jedoch über den ganzen Zyklus an oder nimmt sie zu, lohnt ein genauerer Blick — denn dann kann eine andere Ursache dahinterstecken.
Der unterschätzte Faktor: Eisen
Genau hier schliesst sich ein wichtiger Kreis, den die Zyklus-Debatte oft vergisst. Mit jeder Blutung verliert der Körper etwas Eisen. Eine Fachübersicht zur Eisenversorgung von Sportlerinnen hält fest, dass menstruierende Frauen — besonders bei starker Blutung — ein erhöhtes Risiko für einen Eisenmangel tragen. Und Ausdauersport erhöht den Bedarf zusätzlich. Eisen trägt zu einem normalen Sauerstofftransport im Körper und zur normalen Bildung roter Blutkörperchen bei; fehlt es, macht sich das gerade beim Laufen als hartnäckige Müdigkeit und Leistungsknick bemerkbar.
Wer also über den Zyklus hinaus dauerhaft schlapp ist, sollte nicht nur an Hormone denken, sondern auch den Eisenstatus im Blick haben. Mehr dazu findest du in unserem Beitrag zum Thema Eisenmangel bei Läuferinnen. Wichtig: Eisenpräparate gehören nicht auf Verdacht eingenommen — ein Mangel wird über die entsprechenden Blutwerte festgestellt und die Behandlung ärztlich begleitet.
Regelschmerzen gehören für viele zum Zyklus, doch nicht jeder Schmerz ist normal. Bei sehr starken, plötzlich veränderten oder erstmals auftretenden Schmerzen, bei ungewöhnlich heftiger Blutung, bei Schmerzen, die den Alltag lahmlegen, oder bei anhaltender starker Erschöpfung solltest du dich an eine Ärztin oder einen Arzt wenden. Bei einem medizinischen Notfall wählst du in der Schweiz die Sanitätsnotrufnummer 144. Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.
Häufige Fragen
Ist Joggen während der Periode gut?
Für die meisten gesunden Läuferinnen spricht nichts dagegen — im Gegenteil. Lockeres Ausdauertraining kann die Durchblutung fördern und Regelschmerzen mildern. Entscheidend ist das eigene Gefühl: An guten Tagen darfst du normal trainieren, an schweren Tagen ist eine ruhige Runde oder eine Pause völlig in Ordnung. Bei sehr starken, plötzlich veränderten Schmerzen oder ungewöhnlich heftiger Blutung solltest du das ärztlich abklären lassen.
In welcher Zyklusphase ist man am leistungsfähigsten?
Eine feste Hochleistungsphase, die für alle gilt, gibt es nicht. Eine grosse Übersichtsarbeit fand über den Zyklus hinweg nur unbedeutend kleine Leistungsunterschiede, mit tendenziell etwas schwächeren Werten in den ersten Tagen der Blutung — der Effekt war aber winzig und schwankte stark von Person zu Person. Verlässlicher als jede Phasen-Schablone ist die eigene Beobachtung über zwei bis drei Zyklen.
Kann Laufen Regelschmerzen lindern?
Ja, regelmässiges Training kann helfen. Eine Cochrane-Übersicht kommt zum Schluss, dass regelmässiges Laufen oder ähnliches Ausdauertraining die Stärke von Regelschmerzen spürbar senken kann — im Schnitt um rund einen Viertel der Schmerzskala. Wichtig ist die Regelmässigkeit über den ganzen Monat, nicht nur an den Schmerztagen. Wirkt Bewegung nicht oder verstärkt sie die Beschwerden, hör auf deinen Körper und hol bei anhaltenden Schmerzen ärztlichen Rat ein.
Warum bin ich vor der Periode beim Laufen so müde?
In den Tagen vor der Blutung ist der Hormonspiegel hoch, was die Körperkerntemperatur leicht anhebt und das Laufen bei Wärme anstrengender wirken lassen kann. Dazu kommen häufig schlechterer Schlaf, Wassereinlagerungen und prämenstruelle Beschwerden. Die Müdigkeit ist meist eine Kombination mehrerer Faktoren und sehr individuell. Hält eine ausgeprägte Erschöpfung über den Zyklus hinaus an, kann auch ein Eisenmangel dahinterstecken und sollte ärztlich abgeklärt werden.
Sollte ich mein Training strikt nach dem Zyklus planen?
Die Wissenschaft rät zur Zurückhaltung. Die Datenlage zu starren, phasenbasierten Trainingsplänen ist deutlich dünner, als es viele Beiträge in den sozialen Medien suggerieren. Sinnvoller ist es, die eigenen Symptome über mehrere Zyklen zu beobachten und das Training an das tatsächliche Befinden anzupassen. Individuelle Beobachtung schlägt die Phasen-Schablone.
Quellen
- McNulty KL, Elliott-Sale KJ, Dolan E, et al. The Effects of Menstrual Cycle Phase on Exercise Performance in Eumenorrheic Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Medicine. 2020;50(10):1813–1827. doi:10.1007/s40279-020-01319-3
- Armour M, Ee CC, Naidoo D, et al. Exercise for dysmenorrhoea. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2019;9(9):CD004142. doi:10.1002/14651858.CD004142.pub4
- López-Liria R, Torres-Álamo L, Vega-Ramírez FA, et al. Efficacy of Physiotherapy Treatment in Primary Dysmenorrhea: A Systematic Review and Meta-Analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2021;18(15):7832. doi:10.3390/ijerph18157832
- Pedlar CR, Brugnara C, Bruinvels G, Burden R. Iron balance and iron supplementation for the female athlete: A practical approach. European Journal of Sport Science. 2018;18(2):295–305. doi:10.1080/17461391.2017.1416178
Recherchiert unter anderem über PubMed; die verlinkten DOI führen zu den Originalarbeiten.