Die Idee hinter dem Höhentraining ist bestechend einfach: In der dünnen Luft steht dem Körper weniger Sauerstoff zur Verfügung. Er reagiert, indem er über das Hormon Erythropoetin die Bildung roter Blutkörperchen ankurbelt. Mehr rote Blutkörperchen bedeuten mehr Sauerstofftransport — theoretisch also mehr Ausdauer, sobald man wieder ins Flachland kommt. So weit die Idee. Die entscheidenden Fragen sind aber praktisch: Wie hoch, wie lange, mit welchem Rest-Effekt — und rechnet sich das für jemanden, der nicht von seinen Startgeldern lebt?
Ab welcher Höhe wirkt Höhentraining?
Nicht jeder Hügel setzt einen Reiz. Damit der Körper überhaupt anfängt, vermehrt rote Blutkörperchen zu bilden, muss der Sauerstoffmangel deutlich spürbar sein. In der Forschung gilt für diese sogenannte hämatologische Anpassung eine Wohnhöhe von rund 2000 bis 2500 Metern als der sinnvolle Bereich. Darunter, etwa auf 1500 Metern, ist der Reiz meist zu schwach, um viel auszulösen. Deutlich darüber, ab rund 3000 Metern, kippt das Verhältnis: Schlaf, Appetit und Erholung leiden, ohne dass der Nutzen entsprechend steigt.
Genau hier beginnt die Schweizer Realität. Die klassischen Trainingslager im Engadin — allen voran St. Moritz auf rund 1800 Metern — liegen am unteren Rand dieses Fensters. Sie sind Tradition und logistisch bequem, aber höhenmässig eher Einstieg als Optimum. Wer dort ein paar Tage Skiferien mit lockerem Joggen verbindet, sollte keine Blutanpassung erwarten. Der Reiz ist grenzwertig, und die Dauer stimmt fast nie — was uns direkt zur zweiten Stellschraube bringt.
Wie lange muss man in der Höhe trainieren?
Rote Blutkörperchen entstehen nicht über Nacht. Ihre Neubildung braucht Wochen, und genau das macht kurze Höhenaufenthalte so wenig ergiebig. Als grobes Minimum für eine messbare Blutanpassung gelten rund drei Wochen. Und diese drei Wochen zählen nur, wenn man auch möglichst viel Zeit tatsächlich oben verbringt — nicht nur zum Trainieren hochfährt und zum Schlafen wieder runter.
Der Fachbegriff dafür ist die Höhendosis: das Produkt aus Höhe und Stunden. Reviews zur Wirkung dieser Dosis kommen auf Richtwerte von zwölf bis sechzehn Stunden pro Tag oder mehr in der Höhe, über mehrere Wochen — grob übersetzt in eine Gesamtschwelle von einigen hundert Stunden. Nicht der eine harte Bergintervall macht den Unterschied, sondern die schlichte Summe der Stunden, die der Körper dem Sauerstoffmangel ausgesetzt ist. Das ist eine andere Logik als beim gewohnten Reiz-Setzen: Wer verstehen will, wie gezielte harte Reize im Flachland funktionieren, findet das in unserer Erklärung, wie Intervalltraining den Körper fordert — in der Höhe dagegen zählt vor allem die Dauer der Exposition.
| Stellschraube | Richtwert | Warum |
|---|---|---|
| Wohn- und Schlafhöhe | ca. 2000–2500 m | genug Sauerstoffmangel für den Reiz, ohne Schlaf und Erholung zu ruinieren |
| Aufenthaltsdauer | mindestens ~3 Wochen | rote Blutkörperchen brauchen Wochen, um messbar zuzunehmen |
| Stunden pro Tag oben | möglichst viele (~12–16 h+) | die Gesamtdosis aus Höhe mal Zeit zählt, nicht der einzelne Trainingsreiz |
| Trainingshöhe | möglichst tief | volle Intensität bei den harten Einheiten erhalten ("train low") |
| Effekt nach Rückkehr | rund 2–3 Wochen | die Anpassung ist vorübergehend, nicht dauerhaft |
Wie lange hält der Höhen-Effekt an?
Hier folgt der Dämpfer, den Werbeprospekte gern weglassen: Was man sich in Wochen aufgebaut hat, verschwindet in Wochen wieder. Sobald man ins Flachland zurückkehrt, gibt es keinen Grund mehr für den Körper, die zusätzlichen roten Blutkörperchen zu halten — sie werden über die folgenden Wochen wieder abgebaut. Als praktisches Fenster für die beste Form gilt eine Spanne von etwa zwei bis drei Wochen nach der Rückkehr.
So schön das klingt, so heikel ist es in der Planung. Erstens ist das Fenster kurz. Zweitens tritt die Bestform individuell unterschiedlich früh oder spät auf — manche fühlen sich in den ersten Tagen nach der Rückkehr topfit, andere erst nach anderthalb Wochen. Ein Höhenaufenthalt gehört deshalb sorgfältig auf ein einzelnes Ziel getaktet und mit einer sauberen Wettkampfvorbereitung verzahnt; wie man die letzte Phase davor gestaltet, steht in unserem Leitfaden zum Tapering vor dem Wettkampf. Wer die Höhe hingegen einfach so absolviert und hofft, dass die Form von allein zum richtigen Tag passt, verlässt sich auf den Zufall.
Was bedeutet "live high, train low"?
Der grösste Haken beim naiven Höhentraining — dem klassischen "Höhenurlaub", bei dem man oben wohnt und oben hart trainiert — ist ein Zielkonflikt. In der Höhe steht weniger Sauerstoff bereit, also kann man die harten Einheiten nicht mehr mit demselben Tempo laufen wie unten. Die Trainingsqualität sinkt, und über Wochen droht sogar ein schleichender Formverlust bei den schnellen Reizen, während der Körper zwar Blut, aber weniger Geschwindigkeit aufbaut.
Die Antwort darauf heisst "live high, train low", auf Deutsch: oben leben, unten trainieren. Das Prinzip, das Levine und Stray-Gundersen in den 1990er-Jahren bekannt gemacht haben, trennt die beiden Ziele sauber. Man wohnt und schläft in mittlerer Höhe, um über möglichst viele Stunden den Reiz für die Blutbildung zu setzen. Die intensiven Einheiten legt man dagegen in tiefere Lagen, wo genug Sauerstoff für volles Tempo da ist. So kombiniert man die Anpassung der Höhe mit der Qualität des Flachlands — die Methode gilt in der Forschung als der am besten belegte Weg, aus einem Höhenaufenthalt tatsächlich einen Leistungsgewinn zu ziehen.
Höhe ist dabei nicht der einzige Umweltreiz, mit dem sich der Körper zu mehr Ausdauer überreden lässt. Auch Wärme setzt eine Anpassung des Blutvolumens in Gang; wie das funktioniert und wo die Grenzen liegen, beschreiben wir im Beitrag über Hitzetraining und den Sauna-Hack für die Ausdauer. Beide Reize verlangen dieselbe nüchterne Haltung: kleiner, unsicherer Zusatznutzen, der nur auf einem soliden Trainingsfundament überhaupt zählt.
Lohnt sich Höhentraining für Hobbyläufer?
Jetzt die ehrliche Rechnung. Auf der Kostenseite steht ein Berg an Voraussetzungen: mindestens drei Wochen mit vielen Stunden in der Höhe — für die meisten Berufstätigen allein zeitlich kaum machbar —, dazu Reise und Unterkunft, ein gut aufgefüllter Eisenspeicher als Rohstoff für die Blutbildung und ein Körper, der die Zusatzbelastung verkraftet. Fehlt das Eisen, läuft die ganze Anpassung ins Leere; warum gerade Läuferinnen hier oft ein Defizit haben, erklären wir im Beitrag zum Eisenmangel bei Läuferinnen.
Auf der Nutzenseite steht dagegen ein Effekt, der klein, individuell sehr verschieden und nach wenigen Wochen wieder weg ist. Eine zusammenfassende Auswertung mehrerer Studien deutet zwar auf einen im Mittel positiven Einfluss von "live high, train low" auf die Leistung im Flachland hin — doch die Streuung ist gross. Es gibt Menschen, die deutlich ansprechen, und solche, bei denen sich kaum etwas ändert. Für Profis, bei denen wenige Zehntelprozent über Podest oder Rang zehn entscheiden, kann sich dieser Aufwand rechnen. Für Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer, deren grösste Reserven noch in Regelmässigkeit, Schlaf und Grundlagenausdauer liegen, meist nicht.
Dazu kommt ein oft unterschätztes Risiko: Die Höhe ist selbst eine Belastung. Ein ehrgeiziges Camp auf zu wenig Erholung kann kippen — aus dem erhofften Formaufbau wird dann Erschöpfung. Die frühen Warnzeichen dafür lohnt es sich zu kennen, bevor man drei Urlaubswochen in ein Höhenlager steckt; welche das sind, steht in unserem Beitrag darüber, wie man Übertraining rechtzeitig erkennt. Unterm Strich gilt für die meisten Amateure: Die Woche im Engadin darf ein schönes Trainingserlebnis mit guter Luft und langen Läufen sein — als Ausdauer-Turbo sollte man sie nicht verbuchen.
Höhentraining ist ein real existierender, aber begrenzter Effekt — kein Schalter, der die Ausdauer hochstellt. Der Nutzen ist im Schnitt klein, von Person zu Person sehr unterschiedlich und hält nur wenige Wochen an. Er entsteht ausserdem nur auf einem Fundament aus regelmässigem Training, gutem Eisenstatus und ausreichender Erholung. Für die grosse Mehrheit der Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer bringen konsequentes Training über Monate, Schlaf und eine passende Ernährung mehr Fortschritt als jede einzelne Höhenwoche. Sieh die Höhe als Feinschliff für ein klares Ziel, nicht als Abkürzung.
Der Wechsel in grössere Höhen kann sich anfangs durch Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Kurzatmigkeit bemerkbar machen. Steige langsam auf, trinke genug, plane die ersten Tage locker und meide harte Einheiten direkt nach der Ankunft. Beschwerden, die zunehmen oder mit Schwindel, Verwirrtheit oder Atemnot in Ruhe einhergehen, sind ein Grund, sofort tiefer zu gehen. Bei einem medizinischen Notfall wählst du in der Schweiz die Sanitätsnotrufnummer 144, für die Bergrettung die Rega unter 1414. Wer Vorerkrankungen hat oder unsicher ist, bespricht ein Höhenlager vorab mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Häufige Fragen
Ab welcher Höhe wirkt Höhentraining?
Für die klassische Blutanpassung — mehr rote Blutkörperchen — braucht es einen deutlichen Sauerstoffmangel. In der Forschung gilt dafür eine Wohnhöhe von rund 2000 bis 2500 Metern als sinnvoller Bereich. Unter etwa 1500 Metern ist der Reiz zu schwach, um viel auszulösen. Über rund 3000 Metern stören Schlaf und Erholung zunehmend, ohne dass der Nutzen weiter steigt. Schweizer Klassiker wie St. Moritz im Engadin liegen mit rund 1800 Metern am unteren Rand des wirksamen Bereichs.
Wie lange muss man in der Höhe trainieren?
Rote Blutkörperchen bilden sich langsam, deshalb sind kurze Aufenthalte wenig ergiebig. Als Minimum für eine messbare Blutanpassung gelten rund drei Wochen, in denen man möglichst viel Zeit in der Höhe verbringt — Richtwerte liegen bei zwölf bis sechzehn Stunden pro Tag oder mehr. Entscheidend ist die Gesamtdosis aus Höhe mal Stunden, nicht ein einzelner harter Trainingstag.
Wie lange hält der Höhen-Effekt an?
Die Anpassung ist vorübergehend. Nach der Rückkehr ins Flachland bauen sich die zusätzlichen roten Blutkörperchen über Wochen wieder ab. Ein nutzbares Fenster von etwa zwei bis drei Wochen ist eine gängige Faustregel, wobei die beste Form von Person zu Person unterschiedlich früh oder spät auftritt. Wer ein Ziel hat, plant den Aufenthalt deshalb passend vor dem Wettkampf.
Lohnt sich Höhentraining für Hobbyläufer?
Für die meisten Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer ist der Aufwand-Nutzen selten günstig. Ein wirksamer Aufenthalt bindet mindestens drei Wochen mit vielen Stunden in der Höhe, kostet Geld, verlangt einen guten Eisenstatus und birgt das Risiko, sich zu überlasten. Der zu erwartende Effekt ist klein, individuell sehr verschieden und hält nur wenige Wochen. Für Amateure bringen regelmässiges Training, Schlaf und Ernährung meist mehr als eine Höhenwoche.
Was bedeutet "live high, train low"?
Live high, train low heisst: oben wohnen und schlafen, aber unten trainieren. Man verbringt möglichst viele Stunden in mittlerer Höhe, um den Reiz für die Blutbildung zu setzen, absolviert die harten Einheiten aber in tieferer Lage, wo genug Sauerstoff für volles Tempo da ist. So kombiniert man die Anpassung der Höhe mit der Trainingsqualität des Flachlands — die Methode gilt in der Forschung als am besten belegt.
Quellen
- Levine BD, Stray-Gundersen J. "Living high-training low": effect of moderate-altitude acclimatization with low-altitude training on performance. Journal of Applied Physiology. 1997;83(1):102–112. doi:10.1152/jappl.1997.83.1.102
- Wilber RL, Stray-Gundersen J, Levine BD. Effect of hypoxic "dose" on physiological responses and sea-level performance. Medicine & Science in Sports & Exercise. 2007;39(9):1590–1598. doi:10.1249/mss.0b013e3180de49bd
- Bonetti DL, Hopkins WG. Sea-level exercise performance following adaptation to hypoxia: a meta-analysis. Sports Medicine. 2009;39(2):107–127. doi:10.2165/00007256-200939020-00002
- Millet GP, Roels B, Schmitt L, Woorons X, Richalet JP. Combining hypoxic methods for peak performance. Sports Medicine. 2010;40(1):1–25. doi:10.2165/11317920-000000000-00000