Ratgeber · Training

Richtig aufwärmen und dehnen

Aufwärmen bringt dich nach vorn, statisches Dehnen davor eher zurück. Wie du dich für Dauerlauf, Intervalle und Berglauf richtig vorbereitest – und wann Dehnen wirklich etwas bringt.

Kaum ein Lauf-Ritual hält sich so hartnäckig wie das Dehnen vor dem Start – und kaum eines wird von der Forschung so deutlich relativiert. Aufwärmen und Dehnen sind zwei verschiedene Dinge, und nur eines davon gehört zwingend vor den Lauf. Dieser Guide zeigt dir, wie du dich vor Dauerlauf, Intervallen und Berglauf richtig vorbereitest, warum langes statisches Dehnen davor eher bremst und wann Dehnen wirklich etwas bringt.

Aufwärmen und Dehnen: zwei verschiedene Dinge

Viele werfen «Aufwärmen» und «Dehnen» in einen Topf – dabei verfolgen die beiden ganz unterschiedliche Ziele. Aufwärmen heisst, den Körper hochzufahren: Herzschlag und Durchblutung steigen, die Muskeltemperatur nimmt zu, die Nervensignale werden schneller, und die Gelenke werden auf die kommende Belastung vorbereitet. Dehnen dagegen zielt auf das Bewegungsausmass, also darauf, wie weit ein Gelenk bewegt werden kann. Das eine macht dich einsatzbereit, das andere beweglicher – und beides gehört nicht zwingend zur gleichen Zeit.

Was bringt Aufwärmen vor dem Laufen?

Aufwärmen bereitet Kreislauf und Muskeln auf die Belastung vor und verbessert in den meisten Fällen die Leistung. Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse fand in rund 79 Prozent der untersuchten Messgrössen einen Vorteil durch das Aufwärmen und kaum Hinweise auf Nachteile. Warme Muskeln arbeiten geschmeidiger, reagieren schneller und fühlen sich vom ersten Kilometer an lockerer an.

Tipp

Halte dich an das Prinzip «vom Ruhigen ins Flotte». Starte betont langsam und steigere Tempo und Bewegungsumfang über einige Minuten. Ein gutes Aufwärmen ist kein Kraftakt: Du solltest danach angenehm warm und leicht ausser Atem sein, nicht müde.

So wärmst du dich richtig auf

Ein sinnvolles Aufwärmen besteht aus zwei Teilen. Zuerst der allgemeine Teil: einige Minuten lockeres Gehen oder Traben, um den Kreislauf in Gang zu bringen. Danach der spezifische Teil mit dynamischen Übungen – kontrollierten Bewegungen durch den vollen Bewegungsradius, die nicht in der Dehnung gehalten werden. Genau dieses dynamische Aufwärmen bereitet dich laut Forschung besser vor als ruhiges Dehnen und kann die folgende Leistung sogar leicht verbessern.

Wie wärme ich mich vor dem Laufen richtig auf?

Beginne mit 5 bis 10 Minuten lockerem Gehen oder Traben und ergänze dann dynamische Übungen: Beinschwünge, Ausfallschritte, Kniehebe- und Anfersenläufe. Vor einem intensiven oder bergigen Lauf steigerst du das Tempo zum Schluss mit ein paar kurzen Steigerungen. So kommt der Kreislauf in Gang und die Muskeln sind einsatzbereit.

Aufwärm-Baukasten für Läuferinnen und Läufer. Die Steigerungen lohnen sich vor allem vor intensiven Einheiten und Bergläufen.
BausteinDauerZweck
Lockeres Gehen / Traben5–10 Min.Kreislauf und Muskeltemperatur hochfahren
Dynamische Mobilität (Beinschwünge, Hüftkreisen)3–5 Min.Gelenke lösen, Bewegungsradius öffnen
Lauf-ABC (Kniehebe-, Anfersenlauf, Skippings)3–5 Min.Aktiver Fussaufsatz und Koordination
Steigerungen (4–6× ~80 m)3–4 Min.Tempo und hohe Schrittfrequenz anbahnen

Vor einem lockeren Dauerlauf reicht oft schon der erste Teil – oder du startest die ersten Minuten bewusst im Schneckentempo. Je intensiver oder steiler die Einheit, desto wichtiger wird der spezifische Teil mit Lauf-ABC und Steigerungen. Wie du solche Reize sinnvoll dosierst und deine Ausdauer verbesserst, ohne dich zu überlasten, vertieft ein eigener Guide.

Statisches Dehnen vor dem Lauf: der Bremsklotz

Statisches Dehnen bedeutet, eine Position zu halten, bis der Muskel unter Zug steht – die klassische Wadendehnung an der Wand ist ein Beispiel. Vor dem Lauf ist das problematisch: Eine Metaanalyse mit über hundert Studien zeigt, dass statisches Dehnen unmittelbar davor die Maximalkraft im Schnitt um rund 5 Prozent senkt. Der Effekt hängt stark von der Dauer ab – die kleinsten Einbussen traten bei Dehnungen bis etwa 45 Sekunden pro Muskelgruppe auf. Kurz und locker ist also weniger schädlich als lang und intensiv, doch ein Vorteil vor dem Lauf entsteht so oder so nicht.

Eine neuere Übersicht bestätigt das Bild: Dynamisches Dehnen verbessert die Leistung tendenziell oder lässt sie unverändert, während längeres statisches Dehnen (ab etwa 60 Sekunden) sie eher dämpft. Deshalb empfehlen die Autoren, statt langem Halten dynamische Übungen ins Aufwärmen einzubauen und die eigentliche Leistung nicht durch Dehnhalten zu bremsen.

Soll man sich vor dem Laufen dehnen?

Vor dem Laufen ist dynamisches Aufwärmen sinnvoller als statisches Dehnen. Langes statisches Dehnen unmittelbar davor kann Kraft und Tempo kurzfristig senken, ohne dass es einen belegten Nutzen gäbe. Dynamische Übungen wie Ausfallschritte oder Kniehebeläufe bereiten die Muskeln besser vor. Statisches Dehnen hebst du dir für nach dem Lauf auf.

Für den Berglauf ist dieser Punkt besonders relevant. In einer Studie mit trainierten Läufern verschlechterte statisches Dehnen die Zeit über eine Meile bergauf um rund 8 Prozent – zugleich stiegen Bodenkontaktzeit und Muskelaktivität. Am Berg brauchst du gespeicherte Spannung und einen reaktiven Fussaufsatz; genau die drosselt langes Dehnen kurz davor. Mehr zur Vorbereitung im Gelände liest du im Guide Berglauf und Trailrunning.

Achtung

Am Berg wirkt langes statisches Dehnen vor dem Start doppelt ungünstig: Es bremst bergauf die Leistung und lockert die Spannung, die du für die harte Bremsarbeit bergab brauchst. Wärme dich lieber dynamisch auf und steigere die Belastung langsam. Bei anhaltenden Schmerzen oder Beschwerden wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.

Schützt Dehnen vor Verletzungen?

Das ist der hartnäckigste Mythos rund ums Dehnen – und die Datenlage ist ernüchternd. Eine randomisierte Studie mit 1 538 Rekruten fand keinen bedeutsamen Unterschied bei Verletzungen zwischen einer Gruppe, die vor dem Training dehnte, und einer, die es nicht tat. Eine Cochrane-Übersicht zu Laufverletzungen kommt zum gleichen Schluss: Es gibt keinen belastbaren Beleg, dass Dehnen Weichteilverletzungen beim Laufen senkt. Und eine grosse Metaanalyse zeigte, dass Dehnprogramme das Verletzungsrisiko praktisch nicht veränderten.

Verhindert Dehnen Verletzungen und Muskelkater?

Nach heutigem Stand nicht verlässlich. Eine Cochrane-Übersicht und mehrere Studien fanden keinen klaren Schutz durch Dehnen vor Laufverletzungen, und auch Muskelkater lässt sich dadurch kaum verhindern. Wer vorbeugen will, profitiert eher von regelmässigem Krafttraining und einem langsamen Steigern des Umfangs.

Was stattdessen wirkt, zeigt dieselbe Metaanalyse deutlich: Krafttraining senkte die Sportverletzungen auf unter ein Drittel, und auch Übungen für Gleichgewicht und Ansteuerung halfen. Für Laufende heisst das: Der wirksamste «Schutz» ist nicht die Dehnroutine, sondern kräftige Beine, ein stabiler Rumpf und ein geduldig gesteigertes Training. Das Dehnen wird damit nicht verboten – es verliert nur seine Rolle als Verletzungsversicherung.

Was die Forschung zu Dehnen und Aufwärmen sagt – kalibriert nach Studienlage.
MassnahmeZeitpunktWas die Evidenz zeigt
Dynamisches AufwärmenVor dem LaufVerbessert meist die Leistung, kaum Nachteile
Statisches Dehnen (lang)Vor dem LaufSenkt kurzfristig Kraft und Tempo, v. a. bergauf
Dehnen zur VerletzungsvorbeugungAllgemeinKein verlässlicher Schutz nachgewiesen
KrafttrainingAls eigene EinheitReduziert Sportverletzungen deutlich

Dehnen richtig einsetzen: Timing und Mass

Dehnen ist also nicht sinnlos – es steht nur am falschen Platz, wenn es direkt vor den Lauf rückt. Sein Platz ist nach dem Training oder in einer eigenen Beweglichkeitseinheit, wenn die Muskeln bereits warm sind. Dort kann statisches Dehnen das Bewegungsausmass verbessern, und für viele fühlt es sich als ruhiger Abschluss einfach gut an. Wichtig ist das richtige Mass statt eines Wettlaufs um maximale Dehnbarkeit.

Wann ist Dehnen sinnvoll?

Dehnen hat seinen Platz nach dem Training oder in einer eigenen Beweglichkeitseinheit, wenn die Muskeln warm sind. Dort kann es die Beweglichkeit verbessern. Ein Zwang zu maximaler Dehnbarkeit ist nicht nötig: Für Läuferinnen und Läufer reicht ein normales, alltagstaugliches Bewegungsausmass.

Interessant ist dabei ein oft übersehener Zusammenhang: In einer Untersuchung an Distanzläuferinnen und -läufern waren die weniger beweglichen Athletinnen und Athleten tendenziell ökonomischer unterwegs – vermutlich, weil straffere Muskeln und Sehnen Energie besser zwischenspeichern und beim nächsten Schritt zurückgeben. Das ist ein Beobachtungsbefund und kein Freibrief, steif zu bleiben, aber er entkräftet die Idee, dass mehr Beweglichkeit automatisch besser läuft. Für die meisten reicht ein solides, alltagstaugliches Mass.

Als Alternative oder Ergänzung greifen viele zur Faszienrolle. Eine Metaanalyse ordnet den Effekt nüchtern ein: Als Aufwärmhilfe verbessert Rollen die Beweglichkeit leicht und kann die Sprintleistung ein wenig anheben, ohne die Kraft zu drosseln – ein Vorteil gegenüber langem statischem Dehnen. Nach dem Training kann es das Schmerzempfinden bei Muskelkater etwas mildern. Die Wirkung ist klein, aber im Gegensatz zum Dehnen davor immerhin ohne Leistungsnachteil.

Tipp

Verschiebe deine Dehnroutine ans Ende: Nach dem Auslaufen ein paar ruhige Dehnungen von je 20 bis 30 Sekunden für Waden, Oberschenkel und Hüfte. Oder leg die Beweglichkeitsarbeit ganz auf einen ruhigen Tag. Den vollen Überblick über Aufwärmen, Training und Ernährung findest du im Laufsport-Ratgeber.

Häufige Fragen

Soll man sich vor dem Laufen dehnen?

Vor dem Laufen ist dynamisches Aufwärmen sinnvoller als statisches Dehnen. Studien zeigen, dass langes statisches Dehnen unmittelbar davor Kraft und Tempo kurzfristig senken kann. Dynamische Übungen wie Ausfallschritte oder Kniehebeläufe bereiten die Muskeln besser vor. Statisches Dehnen hebst du dir für nach dem Lauf oder eine eigene Einheit auf.

Wie wärme ich mich vor dem Laufen richtig auf?

Beginne mit 5 bis 10 Minuten lockerem Gehen oder Traben und ergänze dann dynamische Übungen: Beinschwünge, Ausfallschritte, Kniehebe- und Anfersenläufe. Vor einem intensiven oder bergigen Lauf steigerst du das Tempo zum Schluss mit ein paar kurzen Steigerungen. So kommt der Kreislauf in Gang und die Muskeln sind einsatzbereit.

Verhindert Dehnen Verletzungen und Muskelkater?

Nach heutigem Stand nicht verlässlich. Eine Cochrane-Übersicht und mehrere Studien fanden keinen klaren Schutz durch Dehnen vor Laufverletzungen, und auch Muskelkater lässt sich dadurch kaum verhindern. Wer vorbeugen will, profitiert eher von regelmässigem Krafttraining und einem langsamen Steigern des Umfangs.

Ist statisches Dehnen vor dem Berglauf schlecht?

Ungünstig, ja. In einer Studie liefen trainierte Läufer eine Meile bergauf nach statischem Dehnen rund 8 Prozent langsamer. Gerade am Berg, wo du Kraft und Spannung brauchst, ist dynamisches Aufwärmen die bessere Wahl. Statisches Dehnen passt besser in die Zeit nach dem Lauf.

Wann ist Dehnen sinnvoll?

Dehnen hat seinen Platz nach dem Training oder in einer eigenen Beweglichkeitseinheit, wenn die Muskeln warm sind. Dort kann es die Beweglichkeit verbessern. Ein Zwang zu maximaler Dehnbarkeit ist nicht nötig: Für Läuferinnen und Läufer reicht ein normales, alltagstaugliches Bewegungsausmass.

Muss ich mich vor jedem lockeren Dauerlauf aufwärmen?

Vor einem sehr lockeren Dauerlauf kannst du die ersten Minuten selbst als Aufwärmen nutzen, indem du besonders langsam startest. Vor intensiven Einheiten wie Intervallen, Tempoläufen oder Bergläufen lohnt sich ein richtiges Aufwärmen dagegen klar – es bereitet Kreislauf und Muskeln auf die höhere Belastung vor.

Quellen

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Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information rund um Sport und Ernährung und ersetzt keine individuelle ärztliche oder physiotherapeutische Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden oder Schmerzen wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.