«Kohlenhydrate oder Protein?» klingt nach einer Entscheidung, ist aber selten eine. Dieser Beitrag ordnet ein, welcher Nährstoff im Sport welche Aufgabe hat, wie viel du grob brauchst und wann das Timing wirklich zählt – evidenzbasiert und alltagstauglich, für Bergläuferinnen wie für Feierabendjogger. Vertiefende Trainingsthemen findest du in unserem Laufsport-Ratgeber; hier geht es allein um den Teller.
Kohlenhydrate oder Protein – die falsche Frage
Kaum ein Ernährungsthema wird so oft als Streitfrage verkauft wie dieses. Dabei erfüllen die beiden Nährstoffe im Sport ganz unterschiedliche Rollen – sie konkurrieren gar nicht um denselben Job. Kohlenhydrate sind vor allem Energieträger: Der Körper speichert sie als Glykogen in Muskeln und Leber und ruft sie bei Belastung ab. Eiweiss (Protein) ist Baustoff: Aus seinen Bausteinen, den Aminosäuren, repariert und erhält der Körper unter anderem die Muskulatur. Wer den einen gegen den anderen ausspielt, vergleicht Benzin mit Ersatzteilen.
Für die Praxis heisst das: Die Frage ist nicht, welcher Nährstoff «besser» ist, sondern wie viel du von jedem brauchst – und wann. Genau diese zwei Stellschrauben, Menge und Timing, entscheiden am Ende über Leistung und Erholung. Der Rest dieses Beitrags dreht sich um beide.
Braucht der Körper im Sport eher Kohlenhydrate oder Protein?
Beide – aber für unterschiedliche Aufgaben. Kohlenhydrate sind der Haupttreibstoff für die Belastung selbst, Protein liefert die Bausteine für Reparatur und Erhalt der Muskulatur danach. Die sinnvolle Frage lautet also nicht «entweder-oder», sondern: wie viel wovon, und zu welchem Zeitpunkt. Beides gehört auf den Teller einer aktiven Person.
Kohlenhydrate: der Treibstoff für die Belastung
Je härter und länger du läufst, desto stärker greift der Körper auf Kohlenhydrate zurück. Die gemeinsame Leitlinie von American College of Sports Medicine, Academy of Nutrition and Dietetics und Dietitians of Canada beschreibt Kohlenhydrate als den zentralen Energieträger für mittlere bis hohe Intensitäten. Leeren sich die Glykogenspeicher, sinkt das Tempo spürbar – der bekannte «Mann mit dem Hammer» am Ende langer Läufe.
Die Leitlinie nennt grobe Richtwerte, gestaffelt nach Trainingsumfang: rund 3 bis 5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag bei leichtem Training, etwa 5 bis 7 Gramm bei moderatem und deutlich mehr bei sehr hohen Umfängen. Das sind Orientierungswerte, keine starren Vorgaben. Gerade intensive Einheiten wie Intervalle leeren die Speicher besonders schnell – wie solche Belastungen aufgebaut sind, erklären wir in Intervalltraining erklärt.
Auch der rechtliche Rahmen bestätigt die Rolle als Erholungshelfer: In der EU und der Schweiz ist die Aussage zugelassen, dass Kohlenhydrate zur Wiederherstellung einer normalen Muskelfunktion (Kontraktion) nach hoch intensiver und/oder langandauernder körperlicher Betätigung beitragen, die zu Muskelermüdung und zur Erschöpfung der Glykogenspeicher führt. Der Effekt gilt bei einer Aufnahme von rund 4 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht aus allen Quellen in den Stunden nach der Belastung.
Wie viele Kohlenhydrate braucht man beim Laufen?
Das hängt vom Umfang ab. Sportnährstoff-Leitlinien nennen grob 3 bis 7 Gramm Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht und Tag für moderates Training, mehr bei sehr langen oder harten Einheiten. Bei Läufen über rund 90 Minuten helfen zusätzlich 30 bis 60 Gramm pro Stunde direkt während des Laufens, etwa aus Sportgetränk, Gel oder Banane.
Bei sehr langen Berg- und Trailläufen über zweieinhalb Stunden verträgt der Darm mehr Kohlenhydrate, wenn du Glukose und Fruktose mischst (viele Gels und Sportgetränke tun das bereits). So sind bis zu rund 90 Gramm pro Stunde möglich. Übe das im Training – nie zum ersten Mal im Wettkampf.
Protein: der Baustoff für die Erholung
Während der Belastung liefert Eiweiss kaum Energie – seine grosse Stunde schlägt danach. Beim Laufen entstehen feine Reize und kleine Schäden in der Muskulatur; Aminosäuren aus dem Nahrungseiweiss sind das Material, mit dem der Körper repariert und anpasst. Über den Tag ausreichend Protein zu essen, unterstützt so die Regeneration und den Erhalt der Muskelmasse. In der EU und der Schweiz sind dazu die Aussagen zugelassen, dass Eiweiss zum Erhalt der Muskelmasse beiträgt und Eiweiss zu einer Zunahme an Muskelmasse beiträgt.
Das internationale Positionspapier der International Society of Sports Nutrition empfiehlt aktiven Menschen rund 1,4 bis 2,0 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht und Tag – mehr als den Richtwert für Nicht-Sportler. Ebenso wichtig wie die Gesamtmenge ist die Verteilung: mehrere Portionen von etwa 20 bis 40 Gramm über den Tag nutzen den Muskelaufbau besser als eine einzige grosse Ration am Abend.
Und mehr ist nicht endlos besser. Eine grosse Meta-Analyse im British Journal of Sports Medicine fasste zahlreiche Studien zu Krafttraining und Eiweiss zusammen: Der zusätzliche Muskelzuwachs durch mehr Protein erreichte bei etwa 1,6 Gramm pro Kilogramm und Tag ein Plateau. Darüber brachte mehr Eiweiss im Schnitt keinen weiteren Vorteil. Für Ausdauerläufer, die vor allem regenerieren wollen, liegt der sinnvolle Bereich ohnehin eher am unteren Ende dieser Spanne.
Wie viel Protein pro Tag ist für Sportler sinnvoll?
Sportverbände empfehlen für aktive Menschen rund 1,4 bis 2,0 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Für den Muskelaufbau durch Krafttraining zeigt eine grosse Meta-Analyse, dass der Nutzen bei etwa 1,6 Gramm pro Kilogramm ein Plateau erreicht – mehr bringt in der Regel keinen zusätzlichen Muskelzuwachs, sondern nur teureren Urin.
Sehr einseitige Ernährung – dauerhaft sehr wenig Kohlenhydrate oder extrem viel Eiweiss – kann Leistung und Wohlbefinden beeinträchtigen. Verzichte nicht ohne Grund auf ganze Nährstoffgruppen. Bei anhaltenden Magen-Darm-Beschwerden, ungewolltem Gewichtsverlust oder anhaltender Schwäche wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.
Timing: wann welcher Nährstoff zählt
Wenn Kohlenhydrate und Protein verschiedene Aufgaben haben, dann liegt ihr bester Zeitpunkt auch woanders. Grob gilt: Kohlenhydrate rund um die Belastung – davor als Auffüllung, bei langen Einheiten währenddessen, danach zum Nachtanken. Eiweiss über den Tag verteilt, mit einer sinnvollen Portion in den Stunden nach dem Training. Das Positionspapier zur Nährstoff-Verteilung betont, dass die gesamte Tagesmenge wichtiger ist als ein exakt getroffenes «Zeitfenster» – der oft beschworene enge Zeitraum direkt nach dem Sport ist entspannter, als lange angenommen.
Am ehesten zählt das Timing nach sehr langen oder sehr harten Einheiten und dann, wenn die nächste Belastung bald folgt – etwa an einem Wettkampf-Wochenende oder in einem Trainingslager. Dann hilft es, Glykogen zügig wieder aufzufüllen und der Muskulatur Bausteine anzubieten. Für den lockeren Feierabendlauf reicht dagegen die nächste normale Mahlzeit völlig.
| Phase | Fokus | Praktisch |
|---|---|---|
| Vor dem Lauf (1–3 Std.) | Kohlenhydrate | Leicht verdaulich, z. B. Haferbrei oder Brot mit Honig |
| Während (ab ~90 Min.) | Kohlenhydrate | 30–60 g pro Stunde, z. B. Gel, Banane, Sportgetränk |
| Kurz danach | Kohlenhydrate + Eiweiss | Speicher auffüllen und Muskulatur versorgen, z. B. Milch mit Banane |
| Über den Tag | Eiweiss verteilt | Rund 1,4–2,0 g/kg, auf 3–4 Portionen aufgeteilt |
Was sollte man direkt nach dem Laufen essen?
Nach langen oder harten Einheiten ist eine Kombination sinnvoll: Kohlenhydrate füllen die geleerten Glykogenspeicher wieder auf, etwas Eiweiss unterstützt die Muskulatur. Eine praktische Alltagslösung ist ein Glas Milch mit einer Banane, ein Joghurt mit Haferflocken oder einfach die nächste warme Mahlzeit – ganz ohne Spezialprodukte oder teure Pulver.
Für Bergläufer: die praktische Mischung
Berglauf und Trailrunning stellen besondere Ansprüche: lange Belastungen, viel Höhenmeter, oft mehrere Stunden unterwegs. Genau hier wird der Treibstoff zum entscheidenden Hebel – wer stundenlang bergauf läuft, leert seine Kohlenhydratspeicher zuverlässig und profitiert am meisten davon, unterwegs regelmässig nachzutanken. Der Berglauf hat in der Schweiz übrigens eine lange Tradition, von den frühen Bergrennen bis zu den heutigen Cups; einen Blick zurück gibt unsere Geschichte des Berglaufs.
Die gute Nachricht: Für all das braucht es keine Wissenschaft im Küchenschrank. Der grösste Teil lässt sich mit normalen Lebensmitteln abdecken. Eine Kohlenhydratquelle wie Reis, Kartoffeln, Brot, Pasta oder Haferflocken plus eine Eiweissquelle wie Quark, Eier, Hülsenfrüchte, Fisch oder Fleisch – über den Tag verteilt auf mehrere Mahlzeiten. Wie du Training, Umfang und Erholung zusammenbringst, ist Thema im Guide zur Sporternährung für Läufer in unserem Ratgeber; auf dem Teller bleibt das Prinzip einfach.
Wie kombiniert man Kohlenhydrate und Protein im Alltag?
Am einfachsten über echte Mahlzeiten: eine Kohlenhydratquelle wie Reis, Kartoffeln, Brot oder Haferflocken plus eine Eiweissquelle wie Quark, Eier, Hülsenfrüchte, Fisch oder Fleisch. Über den Tag auf drei bis vier Portionen verteilt, deckt das für die meisten Läuferinnen und Läufer beide Bedürfnisse ab – Pulver braucht es dafür nicht zwingend.
Häufige Fragen
Braucht der Körper im Sport eher Kohlenhydrate oder Protein?
Beide – aber für unterschiedliche Aufgaben. Kohlenhydrate sind der Haupttreibstoff für die Belastung selbst, Protein liefert die Bausteine für Reparatur und Erhalt der Muskulatur danach. Die sinnvolle Frage lautet nicht entweder-oder, sondern: wie viel wovon und zu welchem Zeitpunkt.
Wie viele Kohlenhydrate braucht man beim Laufen?
Das hängt vom Umfang ab. Sportnährstoff-Leitlinien nennen grob 3 bis 7 Gramm Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht und Tag für moderates Training, mehr bei sehr langen oder harten Einheiten. Bei Läufen über rund 90 Minuten helfen zusätzlich 30 bis 60 Gramm pro Stunde während des Laufens.
Wie viel Protein pro Tag ist für Sportler sinnvoll?
Sportverbände empfehlen für aktive Menschen rund 1,4 bis 2,0 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Für den Muskelaufbau durch Krafttraining zeigt eine grosse Meta-Analyse, dass der Nutzen bei etwa 1,6 Gramm pro Kilogramm ein Plateau erreicht – mehr bringt meist keinen zusätzlichen Muskelzuwachs.
Was sollte man direkt nach dem Laufen essen?
Nach langen oder harten Einheiten ist eine Kombination sinnvoll: Kohlenhydrate füllen die geleerten Glykogenspeicher wieder auf, etwas Eiweiss unterstützt die Muskulatur. Praktisch geht das mit einem Glas Milch und einer Banane, einem Joghurt mit Haferflocken oder einer warmen Mahlzeit – ganz ohne Spezialprodukte.
Kann man Kohlenhydrate im Sport durch Protein ersetzen?
Nein, nicht sinnvoll. Für intensive und lange Belastungen sind Kohlenhydrate der wichtigste Treibstoff; sind die Speicher leer, sinkt das Tempo. Protein kann diese Aufgabe kaum übernehmen. Es hat seinen Platz beim Wiederaufbau der Muskulatur, nicht als Ersatz für den Energieträger während der Belastung.
Reicht eine normale Ernährung oder braucht man Shakes und Pulver?
Für die meisten Freizeit- und Hobbysportler deckt eine ausgewogene Ernährung mit echten Lebensmitteln beide Bedürfnisse. Shakes und Pulver sind praktische Hilfsmittel, wenn eine Mahlzeit unterwegs schwierig ist – ein Muss sind sie nicht. Entscheidend sind Gesamtmenge, Verteilung über den Tag und Regelmässigkeit.
Quellen
- Thomas DT, Erdman KA, Burke LM. American College of Sports Medicine Joint Position Statement. Nutrition and Athletic Performance. Med Sci Sports Exerc. 2016;48(3):543–568. doi:10.1249/MSS.0000000000000852
- Jäger R, Kerksick CM, Campbell BI, et al. International Society of Sports Nutrition Position Stand: protein and exercise. J Int Soc Sports Nutr. 2017;14:20. doi:10.1186/s12970-017-0177-8
- Morton RW, Murphy KT, McKellar SR, et al. A systematic review, meta-analysis and meta-regression of the effect of protein supplementation on resistance training-induced gains in muscle mass and strength in healthy adults. Br J Sports Med. 2018;52(6):376–384. doi:10.1136/bjsports-2017-097608
- Kerksick CM, Arent S, Schoenfeld BJ, et al. International society of sports nutrition position stand: nutrient timing. J Int Soc Sports Nutr. 2017;14:33. doi:10.1186/s12970-017-0189-4
- Burke LM, Hawley JA, Wong SH, Jeukendrup AE. Carbohydrates for training and competition. J Sports Sci. 2011;29 Suppl 1:S17–S27. doi:10.1080/02640414.2011.585473
- Europäische Kommission. EU-Register nährwert- und gesundheitsbezogener Angaben; Verordnung (EU) Nr. 432/2012 (Eiweiss/Muskelmasse) sowie Verordnung (EU) 2015/7 (Kohlenhydrate/Muskelfunktion). ec.europa.eu/food/food-feed-portal
Recherchiert unter anderem über PubMed (U.S. National Library of Medicine) und das EU-Register der Gesundheitsangaben.